Was ist heute noch "Echt" in der Fotografie

Welche Bilder sind noch echte Fotos? Diese Frage stelle ich mir heute oft, wenn ich mir die Bilder auf Instagram und anderen sozialen Medien oder auf den Websites von Fotografen ansehe.

Da die Technologie in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat und die künstliche Intelligenz sich in den letzten Jahren rasant entwickelt hat, ist auch die Fotografie in die ganze KI-Debatte involviert. Das Update von Photoshop Ende 2023 kann sehr beängstigend und auch beunruhigend sein und eröffnet ganz neue Möglichkeiten in der Bildbearbeitung, oder sollte ich besser sagen in der Bildmanipulation. Ich möchte hier nicht näher darauf eingehen, was dieses Update beinhaltet, dazu gibt es schon genügend Berichte im Internet, aber ich möchte hier meine persönlichen Gedanken dazu äußern, was das für die Fotografie bedeuten könnte.

Vielleicht denkt jetzt der eine oder andere: 'Nicht schon wieder ein Blog über KI in der Fotografie!' Dieses Thema wurde in letzter Zeit oft diskutiert und mancher mag es bestimmt nicht mehr hören. Dennoch beschäftigt es uns und jeder hat seine eigene Meinung dazu.Dolomiten-Cadini di Misurinajpg
Auf dem Rückweg vom eigentlichen Morgenspot beobachtete ich immer wieder das Nebelspiel in den gegenüberliegenden Berggipfeln und entschloss mich dann die Kamera auszupacken und abzuwarten. Es hat sich meiner Meinung nach gelohnt.

Seit einigen Jahren beschäftigt mich die Frage, ob der rasante technologische Fortschritt dazu führt, dass vor Ort nur noch halbherzig gearbeitet wird. Doch ist es wirklich sinnvoll, sich auf die Nachbearbeitung zu verlassen? Eine gründliche Vorbereitung und sorgfältige Arbeit vor Ort sind unerlässlich, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Oft höre ich, wenn jemand eine Aufnahme macht und das Licht nicht passt oder andere Faktoren nicht stimmen, dass es 'Photoshop schon richten wird'. Diesen Satz habe ich auch schon oft aus Spaß gesagt. Allerdings glaube ich, dass damit einer ganzen Generation die Grundlagen eines guten Bildes komplett verloren geht. Mit der künstlichen Intelligenz wird dies bestimmt noch einen Schritt weiter gehen.

Mich hier bitte richtig verstehen. Ich bin und war noch nie gegen Photoshop und bin auch nicht gegen den technologischen Fortschritt. Bildbearbeitung ist eine Notwendigkeit, ob jetzt nur in Lightroom, Capture One oder Photoshop, um nur einige zu nennen. Und wer mich kennt, weiss, dass ich die digitale Bildbearbeitung sehr gerne mache und auch nutze.
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Ein Sommerabend in den Westschweizer Alpen. Hier habe ich das Spiel mit dem Nebel für einmal wieder gewonnen. Das deuten des Wetters und dazu das nötige Glück das es am Schluss dennoch passte, ermöglichten mir dieses Bild. Aber auch hier war Geduld wieder gefragt.

Ist das obige Bild echt oder gefälscht? Diese Frage stellt sich mir oft, wenn ich durch Instagram scrolle. Ich kann garantieren, dass das obige Bild zu 100% echt ist. Allerdings kann die neueste KI-Technologie in Photoshop dieses Bild von Grund auf neu erstellen. Das ist für mich alarmierend.

Die feine Grenze zwischen dem, was echt ist, und dem, was nicht echt ist, gibt es heute nicht mehr. Früher konnte man noch unterscheiden, was echt und was gefälscht war. Doch das ist längst vorbei.  Das hat nicht erst mit dem Zeitalter der künstlichen Intelligenz angefangen. Die künstliche Intelligenz hat das Ganze auf ein neues Level gebracht. Heute können sogar ganze Landschaften manipuliert werden. Die Zeiten, in denen man ein Bild in einer Galerie betrachtet und annimmt, es sei echt, sind endgültig vorbei. Heutzutage stellt man sich in Fotogalerien eher die Frage, ob der Fotograf das Bild manipuliert hat oder ob es der Realität entspricht. Möglicherweise handelt es sich auch um eine komplett fiktive Landschaft.
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Viele Jahre träumte ich davon dieses Motiv mal mit Nebel fotografieren zu können. Als ich im letzten Herbst eine ganze Woche im Wallis verbrachte, besuchte ich diesen Spot einige Male und wurde dafür belohnt.

Bei einigen Beispielbildern, die mit der neuen KI-Technologie in der Fotografie kreiert wurden, kann ich persönlich oft nicht mehr unterscheiden, was echt und was nicht echt ist.

In letzter Zeit habe ich einige Bilder gesehen, von Orten, die ich persönlich sehr gut kenne und dabei ist mir aufgefallen, dass diese durch KI komplett verfälscht wurden. Einige Fotografen bewerben sogar ihre Workshops mit solchen Bildern. Die Bilder zeigen Blumenwiesen, wo eigentlich nur karge Felslandschaften wären, oder Bergseen, wo keine sind. Es ist bedauerlich, dass sich die Branche in diese Richtung entwickelt hat. Es gibt jedoch immer noch Fotografen, die ihr Handwerk verstehen, das Licht lesen können und wissen, was funktioniert und was nicht. Diese Fotografen sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wissen, wann sie den Auslöser drücken müssen und wann es besser ist, die Kamera wieder einzupacken.
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Wir wollten den Abend mit unserer Workshop-Gruppe eigentlich auf dem Grimselpass verbringen, doch bei Nieselregen und dichtem Nebel gab es nichts zu Fotografieren. Da mussten wir handeln und für unsere Teilnehmer das beste Motiv suchen und auf dem Furkapass wurden wir dafür belohnt.

Ein mir bekannter Fotograf, der bei seinen Bildern gerne in der Nachbearbeitung den Himmel in Photoshop ersetzt hat, rechtfertigte sich mir gegenüber, dass wenn er vielleicht Morgen oder an einem anderen Tag dagewesen wäre, hätte der Himmel durchaus so sein können. Nun, ich möchte da niemanden verurteilen, soll jeder machen, wie er es für gut und richtig findet.

Mit der künstlichen Intelligenz in Photoshop werden heute aber alle Barrieren durchbrochen. Es gibt so zu sagen nichts mehr, was man nicht tun kann. Ja früher konnte man auch schon viel Bildmanipulation machen. Allerdings erforderte das Entfernen oder Hinzufügen von Elementen viel Arbeit und eine gute Beherrschung von Photoshop. Dank der künstlichen Intelligenz ist dies nun jedoch viel einfacher geworden. Es ist relativ einfach, mithilfe von KI etwas zu einem Bild hinzuzufügen oder zu entfernen. Es ist für jeden machbar. Wobei ich jetzt auch nicht behaupten möchte, dass auch die Fotos automatisch besser werden. Die technische Qualität eines Bildes ist nicht alleine entscheidend, ob ein Bild gut oder schlecht ist. Eine ausdrucklose Darstellung der Wirklichkeit allerdings auch nicht. Meiner Meinung nach ist die menschliche Komponente ein wichtiger Bestandteil für ein gutes Bild. Wenn der Fotograf sich mit dem Motiv auseinandersetzt und die Realität auf seine Weise interpretiert, können Bilder interessanter werden.  Der Fotograf zeigt die Wirklichkeit so wie er sie sieht und wahrnimmt in diesem Augenblick und kommuniziert so mit seinem Betrachter.
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Mit einem befreundeten Fotografen besuchte ich diesen Spot an einem Sommerabend. Eigentlich war es unsere Wunschvorstellung dieses Motiv mit diesen Bedingungen zu fotografieren. Wir mussten ein Gewitter mit Hagel überstehen, doch wurden wir zum Schluss mit dieser Lichtstimmung belohnt.

Ich würde es aber jetzt auch nicht verallgemeinern und behaupten, dass die KI-Technologie nur schlecht ist und es die «wahre» Fotografie zerstört. Ich glaube es kommt ganz darauf an, wie man diese einsetzt und wie man die Werkzeuge benutzt. Ein KI generiertes Bild am PC hat jetzt bestimmt nichts mehr mit Fotografie zu tun und wer das benutzt, und vorgibt es ist eine Fotografie täuscht dem Betrachter was vor. Benutzt man aber KI basierte Werkzeuge wie zum Beispiel, um etwas zu entfernen wie zum Beispiel ein Auto, KI fürs Schärfen oder entrauschen eines Bildes finde ich das nicht verwerflich.

Ja ich gebe zu, ich liebe die Bildbearbeitung und ich liebe aus meinen Daten das bestmögliche herauszuholen. Ja auch ich benutze heute KI-basierte Werkzeuge, vor allem zum entrauschen und zum Stempeln, wenn es dann sein muss. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass es dies heute gibt, da ich das «entfernen von unerwünschten Objekten» früher immer so mühsam fand und es heute schon viel leichter ist und ich da viel Zeit einsparen kann. Aber das Licht und die Stimmung müssen in einem Bild vorhanden sein. Die Komposition wird vor Ort gemacht und nicht in der Bildbearbeitung «erzeugt».
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Inspiriert von einem Bild von Ian Plant vom Great Smoky Mountain Nat'l Park suchte ich nach einer Möglichkeit so ein Bild auch in der Schweiz umzusetzen. Ich studierte das Bild welche Bedingungen dafür notwenig wären und setzte es dann um. Aber Geduld war gefragt.

Ich bin zwar nicht von der «ganz» alten Schule, den ich fotografiere seit nunmehr 20 Jahren nur noch Digital und nicht mehr analog, doch was die Grundlagen der Fotografie angeht, bin ich da völlig alte Schule. Es macht mir unheimlich viel Spass und gibt mir ein Gefühl der Befriedigung, wenn ich weiss, dass ich mein Bild durch harte Arbeit gemacht habe. Es ist die Jagd nach dem Licht, die Jagd nach dem perfekten Himmel, die Geduld, das Deuten des Wetters und das Wissen um die Stärken einer guten Komposition – all dies ist entscheidend um ein grossartiges Bild einzufangen. Ja der Fortschritt der Technik kommt, ob wir wollen oder nicht, und was gestern neu war, ist Morgen schon wieder alt, die künstliche Intelligenz wird seinen Weg gehen und ich weiss auch nicht wo uns dies alles noch hinführt, aber eines weiss ich auf sicher, und das ist auch mein Fazit, dass man in der Fotografie keine künstliche Intelligenz braucht, um hervorragende und emotionale Bilder zu machen.

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Eigentlich wollte ich hier das Motiv an diesem Morgen anders umsetzen, aber das Licht passte einfach nicht. So schaute ich mich etwas um und von einem anderen Standpunkt aus, sah es plötzlich dann so dramatisch aus.

20210627-_DSC0326-1200pxjpg Die Stimmung an diesem Abend an der bretonischen Küste alleine war schon atemberaubend. Nur so als Spass sagten wir dann, "jetzt wäre das i-tüpfelchen noch, wenn die Sonne durch eines der Fenster scheinen würde"?. Nur kurz darauf schien die Sonne tatsächlich durch. Das war Glück und nicht geplant. Aber auch das braucht man in der Landschaftsfotografie.

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Auch dieses hier ist kein KI kreiertes Bild. Diese Bildidee hatte ich schon sehr lange im Kopf als ich an diesem Frühlingsabend endlich loszog um das Bild zu realisieren. Ich war aber nicht der einzige mit dieser Idee so waren an diesem Abend noch zwei weitere Fotografen mit der gleichen Idee vor Ort.

Lighthouse-Bretagne-Francejpg Als wir an diesem Morgen diesen Leuchtturm fotografierten, war mein Interesse auf den Mond gerichtet und ich hoffte, dass ich dieses Bild genau so umsetzen könnte. Das goldene Morgenlicht, eine etwas längere Belichtungszeit und da durch den Einsatz vom Weitwinkelobjektiv der Mond kleiner war als ich diesen mit meinen Augen sah, musste ich Focal Length Blending anwenden. Also ich machte dann noch eine zweite Aufnahme für den Mond mit einer längeren Brennweite. Kein KI generiertes Bild.

Palpuognasee-Herbst-Laerchenjpg Wie oft besuchte ich diesen kleinen idylischen See in den letzten Jahren? Unzählige Male. Und dann endlich klappte es: ich hatte die gewünschte Stimmung, spannendes Licht und mit den Nebelfetzen im Hintergrund.

20210805-_DSC2111-1200px-newpcjpg Wenn man seine Umgebung beobachtet und nicht nur auf sein Hauptmotiv fixiert ist, dann ergeben sich häufig andere Bilder als man ursprünglich geplant hat. So wurde dieses Bild hier zu meinem Topbild an diesem Abend.

Alle Bilder sind ohne KI entstanden. Alles sind echte Fotografien. Einige Bilder sind geplant, andere per Zufall entstanden. Aber alle haben eines gemeinsam: es braucht immer etwas Glück um solche Stimmungen einfangen zu können, Erfahrung und bestimmt auch den richtigen Riecher. Aber solche Bilder muss man sich auch erarbeiten. Das Glück kommt nicht von alleine. Bei der Nachbearbeitung verwende ich natürlich die heute technischen Möglichkeiten wie Focus Stacking, Focal Length Blending und das normale Blending. Die meisten Bilder sind Einzelaufnahmen doch bei einigen verwendete ich die vorher genannten Techniken. Diese Technik verwende ich aber nur um die bestmögliche Qualität zu erreichen und um "optische Fehler" auszugleichen. Zeigen die Bilder die Realität? Sie zeigen meine Interpretation der Stimmung von diesem Moment vor Ort.